Steamboat Willie

Walt Disney (Produktion)
Walt Disney Studio (Produktionsort)

Werkdetails


Werkbeschreibung von Jan Philip Müller

Steamboat Willie (1928) war Walt Disneys dritter Film mit der Zeichentrickfigur Mickey Mouse und sein erster, bei dem der Ton von Anfang an in die Planungs- und Produktionsprozesse integriert war. Was von Beginn an immer wieder Thema des Animationsfilms gewesen war – die überraschenden Übergänge, das Umklappen zwischen Zeichnung und lebendiger Figur, zwischen Mechanik und Leben[1] – wurde hier auf die Gleichzeitigkeit bzw. Ungleichzeitigkeit von Ton und Bild übertragen. Das, was später Mickey Mousing genannt wurde – wenn beispielsweise das Heraufgehen einer Treppe von einer aufsteigenden Tonfolge begleitet wird – beschreibt dabei nur einen Aspekt von audiovisuellem Witz, für den Disney in den Folgejahren besonders mit den Silly Symphonies bekannt wurde. Es ist ein Spiel der Vervielfältigung sich überlagernder Abbildungs-, Kausal- und Reaktionsverhältnisse von Ton und Bild sowie von Sehen und Hören. Der Effekt der Synchresis[2], also die Wahrnehmung einer Einheit von Bild und Ton durch ihre Synchronität, und die Disjunktion oder der Kontrapunkt von Bild und Ton werden hier an derselben Stelle gleichzeitig vorgeführt: Dampfpfeifen beispielsweise, die den Befehl zu pfeifen verschlafen, verzögern, weil sie bei Disney lebende Wesen sind, die unmittelbare Übertragung des Signals, wie sie von solchen mechanischen Apparaturen erwartet würde. Eine Ziege, die Notenpapier frisst und daraufhin in eine Drehorgel oder ein Grammophon umfunktioniert wird, vollzieht umgekehrt die Metamorphose vom intentionalen Wesen zum akustischen technischen Medium. Und die Schreie verschiedener Tiere, die sie als Reaktion auf die Misshandlungen durch Mickey Mouse von sich geben, sind gleichzeitig Teil der Filmmusik, weil sie dem Takt oder der Melodie folgen. Alle diese Töne sind immer mindestens doppelt codiert und bringen so eine vermeintlich feste Aufteilung zwischen Stimme, Geräusch und Musik und deren jeweils spezifische Weise, sich auf das Bild zu beziehen, zum Oszillieren. Weil beim Zeichentrickfilm im Prinzip jedes Bild einzeln produziert werden musste, entwickelte sich dabei früh eine sehr differenzierte Arbeitsteilung. Die beschriebene Multiplizierung der Bild-Ton-Bezüge lässt sich in diesem Zusammenhang als komplexe Logistik und Verkettungen von Aufzeichnungsverfahren auf Papier und Filmband begreifen:[3] Den Disney Studios wird nicht nur die Einführung des Metronoms als Taktgeber für die Zeichner zugeschrieben, sondern auch die Einführung von bar sheets, einer Art Notenpapier für das parallele Timing von Animation und Sound.[4] Steamboat Willie wurde in Kalifornien gezeichnet und danach in New York mit dem Cinephone-Lichttonverfahren vertont. Um die Synchronität zu gewährleisten, wurde an der Stelle, an der später die Tonspur auf den Film kopiert wurde, ein auf- und abspringender Ball eingezeichnet, der den Takt für die Musiker und Geräuschemacher vorgab.[5] Diese visuelle Taktung hatte gegenüber dem im Aufnahmestudio hörbaren Ticken eines Metronoms den Vorteil, sich bei der Tonaufnahme nicht wiederum in die Tonspur einzuschreiben. Später wurden jedoch sogenannte Click-Tracks verwendet, die den Musikern und Geräuschemachern auf Kopfhörern eingespielt wurden.[6]

Alle Fußnoten

[1] Vgl. Esther Leslie, hollywood flatlands. animation, critical theory and the avantgarde, London–New York 2002, S. 2 und 27f.

[2] Vgl. Michel Chion, Audio-vision. Sound on Screen, New York 1994, S. 63f.

[3] Vgl. Philip Brophy, »The Animation of Sound«, in: Alan Cholodenko (Hg.), The Illusion of Life. Essays on Animation, Sydney 1991, S. 73–78. Zu Aufzeichnungstechniken, vgl. Bruno Latour, »Drawing Things Together: Die Macht unveränderlich mobilen Elemente«, in: Andréa Belliger, David J. Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 259–307. Englisch: »Drawing Things Together«, in: Michael Lynch, Steve Woolgar (Hg.), Representation in Scientific Practice, Cambridge Mass. 1990, S. 19–68.

[4] Vgl. Frank Thomas, Ollie Johnston, The Illusion of Life. Disney Animation, New York 1995, S. 287–289.

[5] Vgl. Donald Crafton, Before Mickey. The Animated Film 1898-1929, 3. Aufl., Cambridge/Mass. –London 1987, S. 212–214 und das Bouncing Ball-Patent: Roy O. Disney, Method of and Means for Scoring Motion Pictures, US Patent 1913048, 6.6.1933, beantragt: 16.10.1928.

[6] Vgl. William E. Garity, Assignor to Roy O. Disney, Method of and Means for Scoring Motion Pictures, US Patent 1919364, 25.7.1933, beantragt: 9.5.1930. William (Bill) Garity, lange Zeit leitender Toningenieur bei Disney, ist anscheinend über seine Arbeit mit Lee DeForest am Phonofilm zu Cinephone (das für die frühen Disneyfilme verwendete Lichttonsystem) und von dort zu Disney gelangt.

siehe auch


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