Farbe-Ton-Analogien

6 Übergreifende Problematiken von Farbe-Ton-Analogiebildungen

Grundsätzlich unterscheiden sich Farben und Töne als physikalische Erscheinungen sowie hinsichtlich ihrer Wahrnehmung und unterliegen daher nicht denselben Ordnungssystemen. Bei einem Vergleich von Spektralfarben und Tönen sind folgende Problematiken zu berücksichtigen: Erstens weisen im Prisma die Farben fließende Übergänge auf, während in der Tonleiter als Konstrukt die einzelnen Töne deutlich voneinander getrennt sind. So sind manche Punkte im Spektrum nicht eindeutig mit Farbnamen zu belegen. Zweitens sind die Grenzen des Spektrums nicht eindeutig zu definieren, da die Empfindlichkeit des menschlichen Auges an den Grenzen des Lichtspektrums nicht abrupt, sondern allmählich abnimmt. Drittens sind die Farben im Prisma unregelmäßig verteilt: Es dominiert die Farbe Rot, wodurch ihr eigentlich mehrere Halbtöne der Musikskala zugeordnet werden müssten. Während im Wellenlängenbereich von ca. 600 bis 700 nm wenig Farbänderungen wahrzunehmen sind, liegen im Bereich zwischen 500 und 600 nm alle Übergangsfarben zwischen Rot, Orange, Gelb und Grün. Die Töne einer Tonleiter verteilen sich dagegen regelmäßig. Viertens ist die Anzahl der Prismenfarben nicht auf exakt sieben festzulegen. Schon während des 18. Jahrhunderts sind andere Aufteilung mit zwischen fünf und acht Farben nachzuweisen.

Die Obertonreihe als Vergleichsgrundlage erwies sich aus mehreren Gründen ungeeignet: Erstens schreitet die Abfolge der Töne logarithmisch und damit in wechselnden Abständen voran, die der Farben jedoch nicht; zweitens erscheint schon innerhalb der ersten vier Töne dreimal der gleiche Notenname, und drittens bezieht sich eine Obertonreihe auf jeden musikalischen Ton, sodass es zahlreiche Obertonreihen gibt, während sich das Spektrum nicht auf jeder einzelnen Farbe aufbaut, sondern dem Licht als Ganzem eigen ist.

Zusätzlich zu den Problematiken, die hinsichtlich der Analogiebildung auf der Grundlage von Spektralfarben angesprochen wurden, sind bei Analogien auf der Grundlage von Wellenberechnungen noch zwei weitere zu ergänzen:

Erstens handelt es sich bei Lichtwellen, im Gegensatz zu den mechanischen Schallwellen, um elektromagnetische Wellen, sodass eine Transformation von Tönen in Farben einer gemeinsamen physikalischen Basis entbehrt.

Darüber hinaus führt eine Aufwärtstransposition von Schall nicht in den Bereich des sichtbaren Lichts, sondern vielmehr in den des Ultraschalls.

Zweitens verläuft die Fortschreitung der Farben arithmetisch und die der Töne logarithmisch, weshalb sie auch keine vergleichbare mathematische Grundlage besitzen.[3]

Zusätzlich zu den schon dargestellten Problematiken an Farbe-Ton-Analogien wurden im Laufe der Geschichte zahlreiche weitere herausgearbeitet.

Bereits im 18. Jahrhundert wurden Einwände hervorgebracht, die auf jegliche Form von Farbe-Ton-Analogie übertragen werden können, bis heute ihre Bedeutung behalten haben und zudem aufzeigen, dass die zahlreichen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts mit jeweils individuell leicht abgewandelten mathematisch-physikalischen Verfahren die intensive Diskussion im 18. Jahrhundert nicht zur Kenntnis nahmen.

So benannte Jean-Jacques d’Ortous de Mairan 1737 und 1738 beispielsweise folgende Aspekte: Erstens ist Farbenharmonie von der Gewohnheit und der Mode abhängig, die Definition von Konsonanzen in der Musik aber zu allen Zeiten konstant. Zweitens hinterlässt die Wirkung einer Farbdissonanz, z. B. Rot und Orange, einen weniger unangenehmen Eindruck als eine Dissonanz in der Musik, z. B. ein Halbton. Drittens mischen sich Farben nicht zu einer analysierbaren Einheit, z. B. Gelb und Blau zu Grün; zwei Töne bilden jedoch nicht den zwischen ihnen liegenden, z. B. c und d nicht dis. Viertens ist die Empfindung jeder Farbe absolut, während sich Töne immer auf einen Grundton beziehen.

Hermann von Helmholtz stellte 1854 u. a. fest, dass eine Melodie ihren Grundcharakter behält, auch wenn sie z. B. eine Terz höher oder tiefer transponiert wird. Ein Gemälde hingegen verliert seinen Sinn, wenn man alle Farben durch diejenigen austauscht, deren Schwingungsverhältnis dem einer Terz entspricht.

Mit der musikalischen Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts ergaben sich weitere Kritikpunkte an Analogiebildungen. So ist in der atonalen Musik keine Vorrangstellung der Dur-Tonalität mehr gegeben, und schon gar keine der C-Dur-Tonalität, die als Basis der meisten Analogien dienten. Mit der Kenntnisnahme vollständig anders strukturierter außereuropäischer Skalen wurde auch die Drei-, Sieben- und Zwölfzahl von abendländischen Musiksystemen relativiert. Selbst die Siebenzahl der Planeten, die für eine Widerspiegelung von Mikro- und Makrokosmos sorgte, ist heute nicht mehr gültig.[4]

Auch wenn die physikalischen und wahrnehmungsbezogenen Prämissen von Farbe-Ton-Analogien sukzessive widerlegt wurden (was jedoch viele Künstler und Theoretiker bis heute nicht daran hindert, weitere Analogiemodelle zu entwickeln), bleibt die künstlerische Faszination einer Umsetzung von Tönen in Farben und damit die der Visualisierung von Musik bis heute erhalten und ist durch die Möglichkeiten aktueller Computertechnik (Parameter-Mapping) eher noch größer geworden.

Für die Berechnung des Abstands von einem Halbton zum nächsten wird die Schwingungszahl des ersten Tones mit der multipliziert.  
Der Uranus wurde 1781 entdeckt, Neptun 1846, Pluto 1930. Letzterer entspricht seit 2006 nicht mehr der von der Internationalen Astronomischen Union beschlossenen Definition von Planeten des Sonnensystems, wodurch sich eine aktuelle Anzahl von acht Planeten (Merkur – Venus – Erde – Mars – Jupiter – Saturn – Uranus – Neptun) ergibt.  
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