Synästhesie, ein neurologisches Phänomen

von Hinderk M. Emrich, Janina Neufeld, Christopher Sinke

1 Häufigkeit und Merkmale von Synästhesie

2 Verschiedene Arten von Synästhesie

3 Erste Beschreibungen von Synästhesie in der Wissenschaft

4 Frühe Forschungsansätze

5 Grundsteine der heutigen Synästhesieforschung

6 Neueste Forschungsmethoden

7 Synästhesie ist keine Krankheit

8 Synästhesie als perzeptuelles Phänomen

9 Gemeinsamkeiten von synästhetischen Wahrnehmungen

10 Bildgebende Verfahren in der Synästhesieforschung

11 Erklärungsmodelle



Abstract

Der Begriff Synästhesie (griech.: syn = gleichzeitig, aesthesia = Wahrnehmung) bezeichnet das gleichzeitige, unwillkürliche Wahrnehmen verschiedener nicht zusammengehöriger Sinneseindrücke und wird deshalb auch als Vermischung der Sinne bezeichnet. So kann z. B. Sprache Farbwahrnehmungen auslösen oder Gerüche erzeugen geometrische Figuren.

Betrachtet man die Synästhesie als Forschungsobjekt, so müssen zunächst zwei unterschiedliche Ansätze voneinander abgrenzt werden: Synästhesie im neurologischen Sinne ist grundsätzlich zu unterscheiden von Bemühungen um die Aufdeckung von Gemeinsamkeiten zwischen Sinnesmodalitäten, insbesondere zwischen Tönen und Farben im Sinne einer verborgenen Entsprechung oder höheren Formel (Johann Wolfgang von Goethe) sowie von der Stilfigur, die vor allem in romantischer sowie symbolistischer Literatur zu finden ist.

Korrespondenzmodelle und darin enthaltene Farbe-Ton-Analogien beschäftigen die Menschheit schon seit Aristoteles, während Synästhesie im neurologischen Sinne erst Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses wurde. Im Folgenden geht es um eine Geschichte der Synästhesie aus neurowissenschaftlicher Perspektive.

 

1 Häufigkeit und Merkmale von Synästhesie

Die Häufigkeit des Auftretens synästhetischer Wahrnehmungen ist nicht eindeutig feststellbar. Ergebnisse verschiedener Feldstudien variieren zwischen 0,05 % und 4 %, wobei Frauen häufiger betroffen sind (Schätzungen variieren hier von 1:1,1 bis 1:6). Es gilt als wahrscheinlich, dass Synästhesie eine genetische Komponente hat, da sie häufig innerhalb einer Familie auftritt.

Jede Synästhesie lässt sich formal durch einen Satz von auslösenden (z. B. Musik) und ausgelösten (z. B. Farben) Eigenschaften charakterisieren, die automatisch gekoppelt werden, also nicht zu unterdrücken sind (Bergfeld Mills, 1999). Die auslösenden Wahrnehmungen können entweder komplexer (wie z. B. Musik) oder einfacher Natur sein (wie z. B. Geräusche), wohingegen die ausgelösten Wahrnehmungen meistens einfach sind (z. B. Farben, einfache geometrische Figuren, Einzeltöne u. Ä.). Eine Ausnahme bilden hierbei die sogenannten ordinal spacial sequences (Sagiv et al. 2005) und eine erst seit Kurzem untersuchte Synästhesieform, bei der Zahlen, Zeiteinheiten oder Buchstaben als Persönlichkeiten wahrgenommen werden, die sogenannte OLP = Ordinal Linguistic Personification.

Als wichtigstes Kriterium für die Feststellung einer Synästhesie gilt die individuelle Konsistenz der Kopplung über lange Zeiträume. So nimmt ein Synästhetiker die Zahl 1 beispielsweise immer grün wahr, für einen anderen erscheint sie jedoch immer gelb. Jeder Synästhetiker hat also seine individuellen konstanten Kopplungen von auslösender und ausgelöster Wahrnehmung bzw. seine eigene synästhetische Realität, was die Erforschung des synästhetischen Phänomens deutlich erschwert.

2 Verschiedene Arten von Synästhesie

Generell werden z. B. nach Peter G. Grossenbacher drei Arten von Synästhesie im Bezug auf ihre Entstehung unterschieden: 1) Bei der genuinen Synästhesie gibt es über die Zeit konstante Kopplungen von Auslöser und Ausgelöstem, die für die Betroffenen schon immer da waren. 2) Bei der erworbenen Form kommt es durch einen neuropathologischen Zustand zu konsistenten Kopplungen. 3) Bei drogeninduzierter Synästhesie kommt es zu vorübergehenden, variablen Kopplungen durch psychoaktive Substanzen (wie z. B. LSD oder Meskalin). Im Artikel wird nur die genuine Synästhesie weiter behandelt.

Im Bereich der genuinen Synästhesie wird in der wissenschaftlichen Literatur am häufigsten das Farbenhören beschrieben, bei dem gesprochene Wörter, Buchstaben, Zahlen, Stimmen oder Töne visuelle Eindrücke wie Farben und/oder Figuren, sogenannte Photismen, auslösen. Im Rahmen des Research-and-Development-Projektes Synaesthesia and Sound von Jamie Ward und Samantha Moore zeigte sich, dass die Visualisierungen synästhetischer Photismen in Verbindung mit Tönen auch von Nicht-Synästhetikern als besonders ästhetisch empfunden werden.

Seltener tritt die Empfindung von Photismen beim Schmecken, Riechen oder der Schmerzwahrnehmung auf. Ein noch wenig untersuchtes Phänomen ist die sogenannte Gefühlssynästhesie. Dieser Begriff wird in zweierlei Hinsicht verwendet: Zum einen beschreibt er eine Synästhesieform, bei der eine Sinnesmodalität, wie beispielsweise der Tastsinn, je nach Stimulus ein bestimmtes Gefühl hervorruft. Zum Beispiel beschreibt Vilayanur S. Ramachandran eine Frau, die sich minderwertig fühlt, wenn sie Jeansstoff mit der Hand berührt, stattdessen aber ruhig und stark, wenn sie glattes Metall anfasst. Zum anderen kann Gefühlssynästhesie (oder auch metaphorische Synästhesie) aber auch bedeuten, dass Gefühlszustände synästhetische Wahrnehmungen hervorrufen (Emrich 2002).

Es gibt jedoch nicht nur sehr viele verschiedene Formen von Synästhesie, sondern oft auch starke Unterschiede zwischen den Wahrnehmungen von Synästhetikern einer Synästhesieform. Während beispielsweise einige Graphem-Farb-Synästhetiker berichten, sie sähen ihre Farben auf den Buchstaben oder um ihn herum projiziert, berichten andere, die Farbe erscheine nicht wirklich visuell, sondern vor dem inneren Auge.

3 Erste Beschreibungen von Synästhesie in der Wissenschaft

Erstmals wurde ein der Synästhesie ähnliches Phänomen 1690 von John Locke in seinem Aufsatz An Essay concerning human understanding erwähnt. Hier beschrieb er einen Blinden, der die Farbe Scharlachrot mit dem Klang einer Trompete in Verbindung bringt.[1] Auch der Augenarzt T. Woolhouse beschrieb 1710 einen Blinden, der Farben hören und ertasten kann (Wellek 1937).

1812 veröffentlichte der Mediziner G.T.L. Sachs einen Bericht über zwei Albinos, die Töne und Zahlen farbig wahrnahmen. Einen Zusammenhang zwischen Synästhesie und Albinismus konnte man jedoch bis heute nicht feststellen (Ione und Tyler 2004).

1873 bekannte sich J.A. Nussbaumer in der Wiener medizinische Wochenschrift dazu, Farb-Ton-Synästhetiker zu sein, in der Hoffnung, dass dies vielleicht ähnliche andere Beobachter hervorrufen würde, da seine Selbstbeschreibung der gängigen Lehrmeinung der spezifischen Energie der Sinnesnerven (nach Johannes P. Müller 1826) grundlegend widersprach. Ermuntert durch diese Beschreibung, brachte 1881 der Psychiater Eugen Bleuler, ebenfalls ein Synästhetiker, eine erste quantitative Untersuchung zur Synästhesie heraus, bei der er ca. 12 % von 600 Teilnehmern als Synästhetiker einstufte (Bleuler und Lehmann 1881) und diese 77 Synästhetiker sehr genau beschrieb. Dies ermöglichte ihm auch, synästhetische Wahrnehmungen miteinander zu vergleichen. Dadurch stellte er fest, dass die Photismen inter-individuell sehr verschieden sind und doch gewissen Gemeinsamkeiten folgen. So haben hohe Töne beispielsweise die Tendenz, helle Farben auszulösen. Auch schloss er aus, dass die Wahrnehmungen erlernt sein könnten und identifizierte als Entstehungsort das Gehirn. Eine weitere wissenschaftliche Abhandlung erschien 1880 mit Visualised Numerals bzw. 1883 mit Inquiries into human faculty von Sir Francis Galton, einem Cousin von Charles Darwin.

Der Begriff Synästhesie wurde wahrscheinlich erstmals 1866 vom französischen Physiologen und Neurologen Alfred Vulpian verwendet, allerdings in einem anderen als dem heute üblichen Verständnis.[2]

4 Frühe Forschungsansätze

Auf Francis Galtons Veröffentlichung folgte Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts eine wahre Welle der Synästhesieforschung, wobei einzelne Fälle zum Teil sehr akribisch beschrieben wurden. Von 1880 bis 1920 erschienen ca. 100 Publikationen pro Dekade. Im Vordergrund des Forschungsinteresses stand wie schon bei Eugen Bleuler das Interesse, Gemeinsamkeiten zwischen den farbigen Wahrnehmungen herauszufinden, denn trotz der offensichtlichen Unterschiede gab es offenbar gewisse Regelmäßigkeiten: Sehr häufig wurde ein Zusammenhang zwischen Tonhöhe und Helligkeit propagiert. Vereinzelt gab es auch Berichte über einen Zusammenhang zwischen Lautstärke und Größe, Lautstärke und Helligkeit und Tonhöhe und Größe. Es existierten unterschiedliche Erklärungsansätze: Einerseits wurde von bestimmten Wissenschaftlern die Meinung vertreten, dass die Synästhesie einen pathologischen Ursprung habe (Claviere 1889), wobei entweder eine falsche Verschaltung zwischen den entsprechenden sensorischen Zentren (Pedrono 1882) oder eine Art von mangelnder Differenzierung zwischen sensorischen Zentren (Coriat 1913) angenommen wurde. Eine andere Theorie ging davon aus, dass es gemeinsame Charakteristika zwischen den Sinneseindrücken gibt und darüber die synästhetische Wahrnehmung vermittelt wird (Bleuler 1881, Féré 1892).

Ende der 1940er Jahre verschwand die Synästhesie wieder aus dem Fokus des wissenschaftlichen Interesses, da es nicht gelungen war, Synästhesie objektiv zu messen und Introspektion (d. h. Eigenaussagen) als Methode der Datenerhebung in der experimentellen Psychologie nicht mehr anerkannt wurde. Infolgedessen ging die Anzahl der Publikationen zurück. So erschienen 1930 nur noch ca. 30 Schriften; in den folgenden Jahren noch weniger (Marks 1975).

5 Grundsteine der heutigen Synästhesieforschung

Erst ab 1975 widmete sich die Wissenschaft wieder verstärkt der Synästhesieforschung. Vorreiter waren Lawrence E. Marks, Richard E. Cytowic und Simon Baron-Cohen. Marks interessierte sich in den 1970er Jahren für die Gemeinsamkeiten der Sinne, speziell zwischen Sehen und Hören, sowie für Synästhesie. Er verfasste mit On colored-hearing synesthesia: Cross-modal translations of sensory dimensions eine sehr umfangreiche wissenschaftshistorische Zusammenfassung der Ton-Farb-Synästhesieforschung. Cytowic dagegen widmete sich vorwiegend der Synästhesie und veröffentliche 1989 das Buch Synesthesia: a union of the senses, in dem er sowohl einzelne Fälle beschreibt als auch eine Theorie der Ursachen des Phänomens entwickelt. Er ging davon aus, dass das limbische System die Rolle eines Vermittlers zwischen den Sinnen übernimmt und bei Synästhetikern hyperaktiv ist, wodurch mehr Sinneseindrücke miteinander verknüpft werden, als es normalerweise der Fall ist (Hyperbinding). Simon Baron-Cohen gelang es schließlich mit seinem Test of Genuiness, ein objektives Maß für die zeitliche Konsistenz der synästhetischen Wahrnehmung zu schaffen und so die Synästhesie der wissenschaftlichen Forschung wieder zugänglich zu machen. Im Gegensatz zu Cytowic sah er aber nicht das limbische System, sondern den Neokortex als Entstehungsort für Synästhesien.

6 Neueste Forschungsmethoden

Während sich die frühe Synästhesieforschung vorwiegend mit der Frage nach Gemeinsamkeiten und der Beschreibung des Phänomens beschäftigte, konzentriert sich die neuere Forschung verstärkt auf die neurologischen Grundlagen der Synästhesie.

So hat die Synästhesieforschung in den letzten Jahren, motiviert durch die Erfindung bildgebender Messverfahren wie fMRI (functional magnetic resonance imaging) und PET (positron emission tomography) wieder stark an Bedeutung gewonnen (Ione und Tyler 2004). Dabei fokussiert die Forschung bisher hauptsächlich auf neurologische Grundlagen der Graphem-Farb-Synästhesie. Die Ergebnisse dieser Studien und die aus ihnen abgeleiteten Theorien sind, abgesehen von einigen Übereinstimmungen, jedoch sehr unterschiedlich.

7 Synästhesie ist keine Krankheit

Synästhesie gilt nicht als neurologische Erkrankung, da sie im Alltag in der Regel keine schwerwiegenden Einschränkungen mit sich bringt und daher auch nicht in neurologischen Klassifikationssystemen (ICD-10 oder DSM-IV) beschrieben wird. Außerdem scheint es keine Verbindungen zwischen Synästhesie und psychiatrischen Erkrankungen zu geben, mit Ausnahme der Tatsache, dass Synästhesie durch Epilepsie ausgelöst werden kann.

Vieles spricht dafür, dass frühkindliche Erfahrungen die Ausprägung der Synästhesie in erheblichem Maß beeinflussen. So entdeckten beispielsweise Witthoft und Kollegen bei einer Synästhetikerin eine 100%ige Übereinstimmung zwischen ihren Farbassoziationen bei Buchstaben und Farben von buchstabenförmigen Magneten, die während ihrer Kindheit den Kühlschrank ihrer Eltern geziert hatten (Witthoft et al. 2006). Die meisten Synästhetiker berichten jedoch, dass ihre Farben schon da waren, so lange sie denken können und geben keine Hinweise auf konkrete Situationen, auf welche die Assoziationen zurückgeführt werden könnten.

8 Synästhesie als perzeptuelles Phänomen

Wie synästhetische Wahrnehmungen zustande kommen, ist bis heute nicht hinreichend geklärt. Durch psychophysikalische Experimente wurde zumindest nachgewiesen, dass es sich bei der synästhetischen Wahrnehmung um ein perzeptuelles Phänomen handelt, da durch synästhetische Farben gewisse Wahrnehmungseffekte erzeugt werden können. Ordnet man z. B. Zweien dreiecksförmig zwischen lauter Fünfen an, so sieht ein Farb-Graphem Synästhetiker das Dreieck sofort, da es sich farblich abhebt (Pop-out-Effekt), wohingegen Nicht-Synästhetiker nur ein Gewirr von Ziffern erkennen (siehe Abb. 1). Ob die geometrischen Formen wirklich herausspringen oder ob Synästhetiker nur besser in dieser Aufgabe sind, ist noch nicht endgültig geklärt. Lässt man Synästhetiker nach einer Zahl zwischen anderen Zahlen suchen (z. B eine Zwei in lauter Fünfen), so ist die Zeit, die sie benötigen, um die Zahl zu finden, abhängig von der Anzahl der insgesamt präsentierten Zahlen (Edquist at al. 2006). Dies deutet darauf hin, dass die Farbe der Zahl nicht herausspringt, sondern die Synästhetiker wie auch die Nicht-Synästhetiker alle Zahlen durchgehen müssen, bis die gesuchte Zahl gefunden wird.

Auch lässt sich ein synästhetischer Stroop-Effekt provozieren, wenn Synästhethiker mit farbigen Wörtern konfrontiert werden (Bergfeld-Mills et al. 1999). Durch den Konflikt zwischen der Eigenfarbe der Wörter und der Farbe der synästhetischen Reaktion benötigen sie mehr Zeit, um die tatsächlich gezeigte Farbe auszuwählen und zu benennen. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass die synästhetische Farbwahrnehmung automatisch und unwillkürlich auftritt, also nicht unterdrückt werden kann.

Mattingley konnte allerdings zeigen, dass eine Präsentation von Farben, die so kurz (28 bzw 56 ms) erfolgt, dass sie nicht wahrnehmbar ist (Priming), keine farbigen Photismen auslöst (Mattingley et al. 2006). Dies weist darauf hin, dass für die synästhetische Farbgenerierung bewusste Wahrnehmung nötig ist.

Ob synästhetische Empfindungen dagegen Aufmerksamkeit benötigen, ist strittig. Indem Mattingley Synästhetiker durch eine schwere Aufgabe ablenkte, konnte er weiterhin nachweisen, dass Aufmerksamkeit die synästhetische Wahrnehmung modifiziert. Ramachandran stellte dagegen fest, dass die Farbgenerierung auch ohne Aufmerksamkeit möglich ist. Er benutzte dazu den sogenannten crowding task, bei dem Zahlen, die von anderen Zahlen umgeben sind, im peripheren Sehfeld erscheinen und von den Versuchspersonen benannt werden müssen. Nicht-Synästhetiker erwiesen sich – wegen eingeschränkter Aufmerksamkeitsressourcen im peripheren Sehfeld – als nicht in der Lage, die Zahl in der Mitte zu identifizieren, wohingegen Synästhetiker die Zahlen anhand ihrer synästhetischen Farbe erkennen konnten, obwohl die Zahl nicht bewusst und ohne Aufmerksamkeit identifiziert wurde (Ramachandran und Hubbard 2003).

Weiterhin wurde ermittelt, dass Farbwahrnehmung kontextabhängig ist. So hat z.B das Zeichen I in Gegenwart anderer Buchstaben die Farbe des Buchstaben I, in der Gegenwart von anderen Zahlen jedoch die Farbe der Zahl 1.

Abb. 1: Verändert nach Ramachandran et al. 2003: Figur aus Zweien in zufällig angeordneten Fünfen A) aus Sicht eines Nichtsynästhetikers B) eine mögliche Sichtweise eines Synästhetikers.

9 Gemeinsamkeiten von synästhetischen Wahrnehmungen

Bezüglich der Gemeinsamkeiten der synästhetischen Farbwahrnehmungen gibt es ebenfalls neuere Erkenntnisse. Der gemeinsame Nenner zwischen Farben und Buchstaben scheint die relative Häufigkeit zu sein, mit der sie in der Sprache vorkommen. So ist z. B. die Farbe Rot oft mit dem Buchstaben A gekoppelt, wobei beide auch häufiger in unserer Sprache benutzt werden als z. B. Z und Violett (Simner 2005). Zudem wurde ein Zusammenhang zwischen relativer Buchstabenhäufigkeit, Helligkeit und Sättigung des Photismus erkannt. Häufiger vorkommende Buchstaben werden mit helleren und satteren Farben verknüpft (Beeli 2007).

10 Bildgebende Verfahren in der Synästhesieforschung

Die Tatsache, dass die Ergebnisse bildgebender Verfahren sehr heterogen erscheinen, stellt eine Problematik der aktuellen Synästhesieforschung dar. Dies liegt zum einen daran, dass die Anzahl der Versuchspersonen oft nicht repräsentativ und die Versuchsdesigns mitunter sehr verschieden sind. Zum anderen ist es aufgrund der individuellen Wahrnehmungsausprägungen kaum möglich, eine homogene Gruppe zu untersuchen. Trotz der großen Diskrepanz zwischen den Ergebnissen spricht Vieles dafür, dass das Farbareal (V4), der posteriore inferiore Temporalkortex (PIT) und die Übergangsregion zwischen parietalem und okzipitalem Kortex an der synästhetischen Wahrnehmung grundlegend beteiligt sind (sieh z. B. Nunn et al. 2002, Rouw und Scolte 2007, Sperling et al. 2006). Einiges spricht auch für eine Beteiligung des präfrontalen Kortex (siehe z. B. Paulesu et al. 1995, Beeli et al. 2007, Sperling et al. 2006), dem im Allgemeinen Funktionen wie Arbeitgedächtnis, Aufmerksamkeit und Persönlichkeit zugeschrieben werden. Der okzipitale Kortex leistet vor allem die visuelle Verarbeitung und der Parietalkortex unter anderem räumliche Wahrnehmung, Orientierung sowie Somatosensorik. In der parieto-okzipitalen Übergangsregion befinden sich verschiedene Assoziationsfelder, die u. a. die Integration visueller Informationen leisten. Auch der PIT-Kortex ist als Integrationsareal visueller Informationen – insbesondere von Farbe und Form – bekannt. Da bisher hauptsächlich Graphem-Farb-Synästhesien mit bildgebenden Verfahren untersucht wurden, kann nicht ausgeschlossen werden, dass bei anderen Synästhesieformen auch andere Hirnareale beteiligt sind.

11 Erklärungsmodelle

Basierend auf den bisherigen Ergebnissen wurden vier verschiedene Modelle zur Erklärung der Synästhesie entwickelt:

  1. Beim Pruning-Modell geht man davon aus, dass bei Synästhetikern ein größerer Teil von Verbindungen zwischen bestimmten Hirnarealen bestehen bleibt, die im Normalfall eliminiert würden: Während der menschlichen Hirnentwicklung kommt es zu einem starken Auswachsen von Nervenverbindungen, die zunächst weniger differenziert sind. Anschließend folgt eine Ausdünnung (pruning) von Nervenverbindungen, sodass nur die wirklich sinnvollen Nervenverbindungen erhalten bleiben. Es könnte also sein, dass dieser Vorgang bei Synästhetikern eingeschränkter abläuft und so zusätzliche Verbindungen erhalten bleiben. Ist ein Areal aktiv, könnte es das andere also simultan mitaktivieren. Diese Hypothese wird beispielsweise durch Hubbard und Kollegen unterstützt, die bei Graphem-Farb-Synästhetikern während der Präsentation von Buchstaben nicht nur eine Aktivierung des Wort-Form-Areals, sondern auch der benachbarten Farbregion fanden.
  2. Das disinhibited-feedback-Modell besagt hingegen, dass die Anzahl an Verbindungen im Gehirn unverändert ist, dass es jedoch durch einen Mangel an Hemmung zu einer erhöhten synaptischen Übertragung zwischen Hirnarealen kommt. Grossenbacher und Kollegen postulieren, das dieser Mangel an Hemmung durch eine geringere Aktivität des tempero-parietal-okzipitalen Kortex – einem intermodalen Assoziationsfeld, von dem man annimmt, dass es visuelle, räumliche und akustische Signale integriert – zustande kommt.
  3. Die re-entrant-theory geht davon aus, dass es bei der Signalverarbeitungskaskade von primären in höhere assoziative Areale eine Rückprojektion in vorgeschaltete Areale gibt, die bei Synästhetikern stärker ausgeprägt ist und eine Aktivierung in diesen Arealen früher Sinnesverarbeitung nach sich zieht.
  4. Das Hyperbinding-Modell besagt, dass bei Synästhetikern die Hirnareale, welche die Verknüpfung verschiedener Sinnesinformationen zu einer einheitlichen Wahrnehmung leisten, hyperaktiv sind und es dadurch zu einem Mehr an Verknüpfungen kommt. Nach Estermann ist das hierfür kritischste Areal im Parietalkortex zu suchen (Estermann et al. 2006); andere Autoren machen hauptsächlich das limbische System für diesen Vorgang verantwortlich (z.B. Schiltz et al. 1999, Cytowic 1989 / s.o.).

Die Modelle schließen einander nicht unbedingt aus, sodass auch eine Kombination der verschiedenen Theorien denkbar ist. So ist es möglich, dass es über Disinhibition von Feedback-Projektionen zu einem Rückeintritt (Re-entrant) von Aktivität in vorgeschaltete Areale kommen kann oder das Pruning-Modell könnte die Grundlage für Hyperbinding- bzw. Re-entrant-Prozesse sein.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Es ist akzeptiert, dass Synästhesie keine Einbildung der Betroffenen ist, sondern ein reales neurophysiologisches Phänomen, das der Wissenschaft einzigartige Einblicke in die menschliche Wahrnehmung bieten kann.

Alle Fußnoten

[1] Locke geht es in seinem Essay allerdings nicht um Synästhesie im neurologischen Sinne. Siehe hierzu auch Kevin T. Dann, Bright Colors Falsely Seen: Synaesthesia and the Search for Transcendental Knowledge, Yale 1998, S.8–9. Das Beispiel des Blinden, das in Lockes Essay mehrmals zur Sprache kommt, wird im Rahmen einer wahrnehmungstheoretischen Fragestellung herangezogen. Locke argumentiert im Sinne seiner empiristischen Grundhaltung, dass geistige Vorstellungen notwendigerweise auf sinnspezifischen Wahrnehmungen basieren. Ein Blinder, der die Sinnesqualität Scharlachrot nie erfahren hat, verfüge über keinerlei Vorstellung dieser Farbe und versuche demnach, sich über sprachliche Analogiebildung (Klang der Trompete) über sie zu verständigen. John Locke, An Essay Concerning Human Understanding, Book 3, Chapter 4, London 1690, http://oregonstate.edu/instruct/phl302/texts/locke/locke1/Essay_contents.html.

[2] Vgl. Alfred Vulpian, Leçons sur la physiologie générale et comparée du système nerveux faites au Museum d’Histoire Naturelle. Rédigés par ernest Brémond, Paris 1866, S. 464f. Vulpian bezeichnete etwa den photischen Niesreflex mit synesthésie. Jules Millet verwies in Audition Colorée, Paris 1892, S.14 auf Vulpian. Vgl. dazu auch Emilie Noulet, Le Premier Visage de Rimbaud, Brüssel 1953, S.122 und Dann 1998, S.188.

Literaturliste

A Case of Synesthesia
1913, Author: Coriat, Isador H.

An Essay Concerning Human Understanding
1690, Author: Locke, John

Attentional Load Attenuates Synaesthetic Priming Effects in Grapheme-Colour Synaesthesia
2006, Author: Mattingley, Jason B. and Payne, Jonathan M. and Rich, Anina N.

Audition colorée
1892, Author: Millet, Jules Publisher: O. Doin

Bright colors falsely seen: Synaesthesia and the search for transcendental knowledge
1998, Author: Dann, Kevin T Publisher: Yale University Press

Coming Unbound: Disrupting Automatic Integration of Synesthetic Color and Graphemes by Transcranial Magnetic Stimulation of the Right Parietal Lobe
2006, Author: Estermann, M. and Verstynen, T. and Ivry, R. B. and Robertson, L. C.

Das Doppelempfinden im 18. Jahrhundert
1936, Author: Wellek, Albert

De l’Audition Colorée
1882, Author: Pedrono

Digit Synaesthesia: A Case Study Using a Stroop-type Test
1999, Author: Bergfeld Mills, Carol and Howell Boteler, Edith Oliver Glenda

Do Synaesthetic Colours Act as Unique Features in Visual Search?
2006, Author: Edquist, Jessica and Rich, Anina N. and Brinkman, Cobie and Mattingley, Jason B.

Frequency Correlates in Grapheme-Color Synaesthesia
2007, Author: Beeli, Gian and Esslen, Michaela and Jäncke, Lutz

Functional magnetic resonance imaging of synesthesia: activation of V4 V8 by spoken words
2002, Author: Nunn, J. A. and Gregory, L. J. and Brammer, M. and Williams, S. C. R. and Parslow, D. M. and Morgan, M. J. and Morris, R. G. and Bullmore, E. T. and Baron-Cohen, S. and Gray, J. A.

Hearing Colors, Tasting Shapes
2003, Author: Ramachandran, Vilayanur S. and Hubbard, Edward M.

Increased structural connectivity in grapheme-color synesthesia
2007, Author: Rouw, Romke and Scholte, H. Steven

La Pathologie des Émotions: Études Physiologiques et Cliniques
1892, Author: Féré, Charles Publisher: Alcan

Le premier visage de Rimbaud: Huit poèmes de jeunesse
1953, Author: Noulet, Émilie

Leçons sur la physiologie générale et compareé du système nerveux: Faites au Muséum d’histoire naturelle par A. Vulpian
1866, Author: Vulpian, Alfred Publisher: Germer Bailliére

L’audition colorée
1898, Author: Clavière, J.

Neuronal correlates of colour-graphemic synaesthesia: A fMRI study.
2006, Author: Sperling, J. M. and Prvulovic, D. and Linden, D. E. and Stirn, A.

Neuroscience, History and the Arts. Synesthesia: is F-sharp Colored Violet?
2004, Author: Ione, Amy and Tyler, Christopher

Non-random associations of graphemes to colours in synaesthetic and non-synaesthetic populations
2005, Author: Simner, Julia and Ward, Jamie and Lanz, Monika and Jansari, Ashok and Noonan, Krist and Glover, Louise and Oakley, David A.

On Colored-hearing Synesthesia: Cross-modal Translations of Sensory Dimensions.
1975, Author: Marks, Lawrence E.

Synesthesia: A Union of the Senses
1989, Author: Cytowic, Richard E. Publisher: Springer

Synesthesia: Perspectives from cognitive neuroscience
2005, Publisher: Oxford Univ. Press

Synesthetic colors determined by having colored refrigerator magnets in childhood.
2006, Author: Witthoft, Nathan and Winawer, Jonathan

The physiology of coloured hearing: A PET activation study of colour-word synaesthesia.
1995, Author: Paulesu, E. and Harrison, J. and Baron-Cohen, S. and Watson, J. D. and Goldstein, L. and Heather, J. and Frackowiak, R. S. and Frith, C. D.

Welche Farbe hat der Montag? Synästhesie: das Leben mit verknüpften Sinnen
2002, Author: Emrich, Hinderk M and Schneider, Udo and Zedler, Markus and Cytowic, Richard E Publisher: Hirzel

Zwangsmässige Lichtempfindungen durch Schall und verwandte Erscheinungen auf dem Gebiete der andern Sinnesempfindungen
1881, Author: Bleuler, Eugen and Lehmann, Karl Publisher: Fues’s Verlang

siehe auch

Personen
  • Simon Baron-Cohen
  • Eugen Bleuler
  • Richard E. Cytowic
  • Charles Darwin
  • M. Estermann
  • Francis Galton
  • Peter Grossenbacher
  • Edward M. Hubbard
  • John Locke
  • Lawrence E. Marks
  • Jason B. Mattingley
  • Jules Millet
  • Samantha Moore
  • J. A. Nussbaumer
  • Vilayanur S. Ramachandran
  • G.T.L. Sachs
  • Alfred Vulpian
  • Jamie Ward
  • Nathan Witthoft
  • T. Woolhouse
  • Werke
  • Inquiries into Human Faculty and its Development
  • On colored-hearing synesthesia: Cross-modal translations of sensory dimensions
  • Synaesthesia and Sound
  • Synesthesia: a union of the senses
  • Über den menschlichen Verstand
  • Visualised Numerals

  • Zeitrahmen
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